
Der erste
Gotthard-Pullman-Express
Der Pullman-Express Basel - Zürich - Mailand
Aus dem SBB-Nachrichtenblatt vom September 1927
Unter Führung von Oberbeamten der Bundesbahnen und im Beisein einer größeren Anzahl eingeladener Gäste fand am 1. September die erste wohlgelungene Fahrt dieses nunmehr schnellsten Gotthardzuges statt. Die vier Pullman-Salonwagen dieses Luxuszuges (zwei Erstklaß- und zwei Zweitklaßwagen) gehören der Internationalen Schlafwagengesellschaft. Der Zug verkehrt dieses Jahr vom 1. September bis 15. November, nächstes Jahr vom 15. März bis 15. Juni. Je zwei-Pullmanwagen, ein Erstklaßwagen und ein die Küche führender Zweitklaßwagen bilden zusammen eine Einheit. Die eine dieser Einheiten verläßt Basel, mit den Reisenden aus den Nachtztigen von Paris, Calais, Brüssel Holland, Hamburg und Berlin um 7.12 Uhr, die andere Züirich um 8.15 Uhr. In Arth-Goldau werden sie dann zu einem Zuge vereinigt. In Mailand trifft der Pullman-Expreß um 13.55 Uhr ein mit Anschluß an die Schnellzüge nach Genua, Bologna, Rom und Venedig. Auf der Rückfahrt verläßt der Zug Mailand um 16.05 Uhr mit Ankuntt in Zürich um 21.38 Uhr und in Basel um 22.44 Uhr, wo der Reisende Anschluß an die Züge nach Hamburg, Berlin, Paris, Ostende, Brüssel und Antwerpen findet. Die ganze 372km lange Strecke befährt der Pullman-Expreß demnach in rund 6 Stunden 40 Minuten in beiden Richtungen, eine gewiß bemerkenswerte Leistung, wenn berücksichtigt wird, daß auf beiden Rampen Höhenunterschiede von 875 bzw. 1027 Meter zu überwinden sind. Zur Zurücklegung der gleichen Strecke benötigte vor dem Kriege der Luxuszug Lloyd-Expreß in der Richtung Nord-Süd 7 Stunden 34 Minuten und in der umgekehrten Richtung 7 Stunden 53 Minuten. Der durch den Pullman-Expreß erreichte Fahrzeitgewinn ist in der Hauptsache der Elektrifikation zuzuschreiben. Die Pullmanwagen, so genannt nach ihrem Erbauer, dem amerikanischen Großindustriellen Pullman (1831-1897), der in Chicago zuerst derartige zunächst für den amerikanischen Eisenbahnverkehr bestimmte Luxuswagen (Salon-, Schlaf- und Speisewagen) erstellte, sind seit Jahrzehnten bereits in England im Gebrauch. Gleiche Pullmanzüge führt die Internationale Schlafwagengesellschaft in den letzten Jahren auch auf einigen westeuropäischen Strecken wie Paris-Calais Brüssel (Flèche d'Or), Paris-Amsterdam (Etoile du Nord), Mailand-Venedig, Mailand-Riviera.
Die in den Werkstätten von Birmingham und Leeds (England) gebauten Salonwagen des Pullman-Expreß sind mächtige, 22,5m lange, 3,45m breite und 4 m hohe Vierachser. Der Erstklaßwagen wiegt 48, der Zweitklaßwagen 5l Tonnen. Das Wagengestell ist aus einem einzigen Stahlstück hergestellt, eine Konstruktionsart, mit der große Sicherheit und ruhige Fahrt erzielt wird. Die Erstellungskosten eines Wagens belaufen sich auf rund Fr. 300 000. Die einzelnen Fahrzeuge sind durch Faltenbälge verbunden, die mit zweckmäßigen Halteleisten versehen sind.
Macht schon das Außere der Wagen durch die glücklich gewählte Farbengebung einen angenehmen Eindruck - der untere Teil bis zu den Fensterbrüstungen ist dunkelblau gehalten, der obere gelblich-weiß - so entzückt vollends das Wageninnere. Unter Verzicht auf den früher in Salonwagen etwa angetroffenen aufdringlichen Prunk wird das Hauptgewicht auf eine vornehme, geschmackvolle und zugleich praktische Ausstattung gelegt. Die 32 Sitzplätze des Erstklaßwagens verteilen sich auf zwei größere Salons und zwei kleinere Coupés zu ie 4 Sitzen. Die frei stehenden, hochlehnigen Klubstühlen ähnlichen Polstersessel aus hellviolettern oder grünem, geblümtem Plüsch stehen zubeiden Seiten des über einen Meter breiten Mittelganges, je einer links und rechts vor den sehr großen Wagenfenstern. Zwischen den Sesseln befinden sich geräumige, aufklappbare Tischchen mit eingelegten Glasplatten, die dem Reisenden sowohl zur Besorgung von Arbeiten (Korrespondenzen, Lektüre usw.), als auch zur Einnahme von Mahlzeiten und Erfrischungen dienen. Diese Bequemlichkeit mag als besonderer Vorzug der Pullmanwagen hervorgehoben werden. Der Reisende muß, wenn er essen will, seinen Platz nicht verlassen und läuft daher, wie es sonst etwa vorkommt, nicht Gefahr, daß dieser inzwischen von einem mehr oder weniger ahnungslosen Mitreisenden eingenommen wird. Auf den Tischen stehen elegante Lampen mit Schirmen aus mattgelber Seide. Mit einer über jedem Sitzplatz angebrachten Klingel kann der Reisende das bedienende Personal jeclerzeit zur Entgegennahme seiner Wünsche herbeirufen. Schön geschliffene Spiegel ermöglichen die Kontrolle des Außern. Die Wagenwände sind mit Mahagoniholz getäfert. Den Boden bedecken weiche, die Schritte des Reisenden dämpfende Teppiche. Nachts und während der Fahrt durch Tunnels verbreiten hübsche, kleine, an der weißen Wagendecke angebrachte Lampen ein angenehmes rötliches Oberlicht.
Auch die Zweitklaßwagen übertreffen in Bezug auf geschmäckvolle und bequeme Ausstattung bei weitem die gewöhnlichen Speisewagen. Die 36 braunen, blau gemusterten Polstersessel sind hier zwar mit dem Boden fest verbunden, aber gleichwohl sehr bequem und praktisch angeordnet. Auf der einen Wagenseite steht je ein Sesselpaar, auf der andern je ein einzelner Sessel. An den Mittelwänden sind, wie auch im Erstklaßwagen, große schöne Uhren angebracht. In den Zweitklaßwagen ist sodann die Küche eingebaut, die ungefähr 60 Reisende gleichzeitig zu bedienen vermag und deren geschickte Raumeinteilung die gleichzeitige Beschäftigung von 7 Personen erlaubt. Die Küche ist mit einem Kohlenherd und mehreren Eiskästen, einem Weinkeller und einem geräumigen Office ausgestattet. Im Magazin sind die zur Herstellung der Gerichte erforderlichen Lebensmittel entsprechend den nördlich und südlich vom Gotthard bestehenden verschiedenen Bedürfnissen von einander getrennt. Daß die von einem liebenswürdigen Dienstpersonal dargereichten Speisen und Getränke auch verwöhntesten Ansprüchen zu genügen vermögen, bedarf keiner weitern Erörterung. Das zur Verwendung gelangende Geschirr ist vornehm und zugleich praktisch beschaffen. Beide Wagenklassen verfügen über schöne Toiletten räume und Warmwasserheizungseinrichtungen modernster Konstruktion.
Fiir die Benützung des Pullman-Expreß ist außer der gewöhnlichen Taxe samt Schnellzugzuschlag noch ein besonderer Zu- schlag zuhanden der Internationalen Schlafwagengesellschaft zu entrichten, der für die Strecken Basel-Mailand und Z(lrichr Mailand Fr. 15.50 bzw. 14.35 beträgt, Summen die im Hinblick auf die vom Pullman-Expreß dem Reisenden gebotenen Annehmlichkeiten als bescheiden bezeichnet werden dürfen. Die Plätze können gegen Entrichtung einer Bestellgebühr bei den Agenturen der Internationalen Schlafwagengesellsch zum voraus bestellt oder, sofern noch verfügbare Plätze vorhanden sind, auch im Zuge selbst beim Kondukteur der genannten Gesellschaft gelöst werden.
Das Urteil über den Pullman-Exprel3 läßt sich dahin zusammenfassen, daß dieser Luxuszug im Hinblick auf seine außer ordentliche Schnelligkeit und die Bequemlichkeiten, die er dem Reisenden bietet, dazu beitragen dürfte, den Fremdenverkehr über den Gotthard zu heben. Die bisherige Frequenz übertrifft denn auch bereits die gehegten Erwartungen.



Der Gotthard-Pullman-Express
zwischen Giornico und Faido (Gotthardlinie)
